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Mittwoch, 22. Januar 2014, 09:28

Mein erstes Auto

Vor gut 34 Jahren habe ich auf einem Renault 12 TL, einem Haufen Rost auf Rädern, meine erste Fahrpraxis erworben, das
Auto selbst (Baujahr 1971) für 1.900,-- DM incl. einem Satz Winterrädern.


Er brauchte 6,6 ltr. Benzin (Normal) auf 100 km. Die Radkappen waren mit einer Sechskantmutter gesichert,
die man ggf. per beigefügter Kurbel lösen konnte, die im Fall des Falles auch zum Anwerfen
eines u. U. widerspenstigen Motors dienen konnte.


Die Krücke hatte sogar schon eine Höhenregulierung für die seine Scheinwerfer! Über verborgene Seilzüge
konnte man einer Blendung des Gegenverkehrs entgegen wirken, damals ein technisches Highlight, über das
nur wenige Autos verfügten.


Der Kofferraum war riesig!
Was man da alles hinein bekam, würde manchen Besitzer eines modernen Kfz die Tränen in die Augen treiben.


Sicherheit? Die statischen Sicherheitsgurte (vorn) habe ich aus purer Bequemlichkeit gegen ein Paar
Automatikgurte ersetzt, die es 1978 im örtlichen Supermarkt zu kaufen gab. Der
Tankeinfüllstutzen befand sich rechts neben dem hinteren Kennzeichen (im
Aufprallbereich - da stehen heute jedem Sicherheitsmenschen selbst ausgefallene Haare zu Berge!).


Die (fast genau) 10 km zwischen Wohnung und (damals noch) Gymnasium legte ich mit
meinem „Rolls Reuss“ (das hatte ich mit Klebebuchstaben auf dem Kofferraumdeckel
angebracht - meine Mutter ist fast unter die Decke gegangen) in fast genau 10 Minuten zurück.
Keine „Knöllchen“, keine Verstöße gegen irgendwelche Geschwindigkeitsbeschränkungen oder sonstige
Ver- oder Gebote. Man konnte und durfte einfach fahren. Und niemand wurde gefährdet.


So klapprig und wackelig die alte Karre auch war: sie eröffnete eine neue Welt (nicht nur mein erstes Auto,
auch das der Familie!) Endlich waren wir nicht mehr abhängig vom Wohlwollen der
Bekannten oder Verwandten, von einem ÖPNV, der schon damals in der heimatlichen
Region ein Mauerblümchendasein führte. Dass sie mich auch „zum Bund“
transportierte - na ja, was kann der arme Renault dafür, dass Hans Apel
glaubte, ohne meine Mitwirkung würden eines Tages tausende Panzer mit rotem
Stern auf dem Turm durch die Fuldaer Tiefebene krabbeln?


Im Oktober 1979 hauchte er sein Leben aus - ein in der Rückschau dämlicher Fehler des immer noch
18jährigen Schnösels, der sich völlig übermüdet ans Steuer setzte und samt
Karre vor einem Erdhaufen endete. Die billigen Automatikgurte aus dem
Supermarkt, ja selbst die statischen Gurte der Rücksitzbank verhinderten
Personenschäden. Außer meinem Ego hat nur der R12 Schaden genommen und landete
auf dem Schrottplatz.


Und heute?

Die „moderne“ Kiste ist eine regelrechte Festung: ABS, ESP, ASR und wahrscheinlich weitere 50 durch
kryptische Abkürzungen dargestellte „Sicherheitselemente“ sorgen dafür, das mir
jedes physische Empfinden für die aktuelle Fahrsituation abgeht. Ich bin
umgeben von einer Reihe Sprengladungen, die man auf neudeutsch als „Airbags“
oder „Gurtstraffer“ umschreibt.


Die Leuchtweitenregulierung liegt in der Hand von zwei teuren elektrischen Motoren. Vorbei ist die Zeit der Seilzüge und einem simplen Drehhebel.

Ich habe Zugriff auf eine Klimaanlage, eine Gesäßheizung; das Autoradio ist zur Rundum-Stereo-Hifi-Was-Weiß-Ich-Anlage mutiert, vor dem meine Stereo-Kompaktanlage, die ich anno 1977 erwarb, ehrfurchtsvoll erblassen müsste. Die Türen und der Kofferraum öffnen sich auf Knopfdruck.

Himmelherrgott: will ich auf einem Gesäßgrill sitzen? Über eine Klimaanlage verfügt nicht einmal die
Wohnung. Soll ich nun sommers ins Auto flüchten, wenn es mir in den 4 Wänden zu
warm wird? Die Wohnung verfügt auch über keine Zentralverriegelung! Wie ist das
denn vertretbar, 44 Jahre, nachdem dem der Mensch auf dem Mond landete?


Mit 10 Minuten von der alten Schule zur damaligen Wohnung komme ich heute nicht mehr hin. Wenn ich jetzt für
die gleiche Strecke weniger als 17 Minuten brauche, bin ich nach neuer Lesart
ein „Raser“ (seltsam, dass auf dieser Strecke nach über 25 Jahren erstmals wieder
Verkehrstote zu beklagen waren, nachdem (!) man erste Geschwindigkeitsbegrenzungen einführte).


Das aktuelle Auto braucht „Superbenzin“, natürlich bleifrei. Nach aktueller Verbrauchsmessung 7,1
ltr./100 km. Sieht so „Fortschritt“ aus, hatte man doch einmal das
„3-Liter-Auto“ anvisiert? Auf der Frontscheibe klebt eine grüne Plakette, die
mir auch die Fortbewegung in sog. „Umweltzonen“ (in denen ich oft genug hinter
irgendwelchen Qualmproduzenten mit meist ausländischen Kennzeichen her fahre) erlaubt.
Ein Haufen (mit Verlaub) kleiner, grüner Scheißer, die zumeist nie erlebt
haben, wie „Umweltverschmutzung“ wirklich ausgesehen hat (kennen die z. B. ein
Ruhrgebiet der 60er oder 70er Jahre?), hat das neue Feindbild des „Feinstaubs“ kreiert.


Als Ende der 80er Jahre der Katalysator das Licht der Welt erblickte, habe ich gelernt, dass der
ungeregelte Katalysator („U-Kat“) 50 % der Schadstoffe ausfiltere, der geregelte Katalysator („G-Kat“) 90 %. Es gab 3 Schadstoffklassen, um das zu differenzieren. Heute muss man studiert haben, um alle Schadstoffklassen noch
überschauen zu können (wie viele gibt es überhaupt?). Und die verbliebenen 10 % Dreck, die der „G-Kat“ nicht auszufiltern imstande war/ist, bedeuten nach neuer Lesart offenbar den nahenden Weltuntergang und stellen ein größeres Problem dar
als die 100 % vor 30 Jahren?


So stehe ich heute angesichts von Ampelschaltungen, die an geistige Ergüsse von Klapsmühlen erinnern, im Stau und blase (feinstaubfreie) Abgase in die Luft, die in der Menge das übertreffen, was der alte Renault mit über 4 Jahrzehnte alter Technik schon zuwege zu bringen imstande war.

Zu allem Überdruss: auf meinem R12 hatte ich, da er einige schrullige Eigenarten hatte, auch einem
damals gängigen Aufkleber angebracht:


"Mein Auto lebt - es raucht, es säuft, und manchmal bumst es"

Nicht mal das ist heute noch statthaft. Ich habe lernen müssen, solche Sprüche seien „politisch unkorrekt“.

Jetzt habe ich einmal eine Frage: bin ich in einer riesigen, geschlossenen Anstalt gelandet?

Oder werde ich einfach nur alt?
»Turm 61« hat folgendes Bild angehängt:
  • Renault 12 TL.jpg
Falls Sie hier die Flöhe husten hören:
es könnten Ihre eigenen sein! :D

Dieser Beitrag wurde bereits 2 mal editiert, zuletzt von »Turm 61« (19. Februar 2016, 16:08)


2

Freitag, 19. Februar 2016, 15:55

Mein erster Beitrag im Forum.

Er kam mir jetzt in den Sinn, da meine Lebensgefährtin ein neues Auto geordert hat.

Eigentlich nur das, was mein üblicherweise als "Kleinwagen" betrachtet. Wenn ich mir aber anhand der Ausstattungsbeschreibung anschaue, was man heute als unverzichtbar betrachtet...
:down:
Falls Sie hier die Flöhe husten hören:
es könnten Ihre eigenen sein! :D

dollybasta

unregistriert

3

Freitag, 19. Februar 2016, 21:20

@ turm61


was die Klapsmühle angeht. So kannst du es bezeichnen. Ihr werdet tatsächlich wie unmündige Kinder behandelt. Alles ist nahezu überreguliert und muss immer politisch korrekt sein. Nachdenken und Kreativität sind nicht mehr erwünscht. Ich lebe im Ausland und fühle mich hier bedeutend wohler. Wenn ich zwei Wochen lang in Deutschland meine Verwandten besuche, freue ich mich schon nach 10 Tagen, wieder in meine Wahlheimat fliegen zu können. Das ist bezeichnend und traurig zugleich. Und so geht es vielen Deutschen, die lange Zeit in der Ferne wohnen.

4

Sonntag, 21. Februar 2016, 01:26

die Werbung leistet ganze Arbeit. Das muss man neidlos anerkennen. Sie redet uns seit Jahrzehnten ein, was wir unbedingt zu benötigen haben :thumbdown:

Die vielen "Extras" sind meist die Folge des Unvermögens der Autofahrer. Je schneller die Fahrzeuge wurden, desto mehr haben deren Piloten ihre Fahrkünste überschätzt. Der Gesetzgeber reagierte und später auch die Industrie, Ich fahre einen 35 Jahre alten Mercedes 350 SE, der weder über ABS noch sonst irgendwelche nachdenk abnehmenden Extras verfügt. Die einzigen Luxusgegenstände, die ich mir leiste, sind E-fenster, Colorglas, Automatik, Lederausstattung und AC. Ein Stereoradio ist natürlich auch vorhanden. Aber das wars dann .
Geht alles.

5

Sonntag, 21. Februar 2016, 09:45

Zitat

noch sonst irgendwelche nachdenk abnehmenden Extras

Zitat

Automatik
:D :D :D :D :D :D :D :D

6

Sonntag, 21. Februar 2016, 16:02

tach liebes Auto. Da wird sich Damengambit aber froin, datta dich so erheitern konnte. :thumbup:
Worüber du gelacht hast, leuchtet noch nicht ein. :rolleyes:

Solltest du die Automatik gemeint haben, die für dich zum nachdenk abnehmenden Extra gehört, kann ich dir versichern, dass ich bei der normalen Gangschaltung nicht nachzudenken brauche. Eher beim rechtzeitigen Abbremsen des Fahrzeugs. ABS, Airbags usw. Du weisst schon. Alles Dinge, bei denen man sich vorher im klaren sein muss, was passiert, wenn man zu schnell oder unaufmerksam fährt. Die Automatik verhindert keinen Crash. Ein Airbag auch nicht, aber es tut nicht so weh beim Aufschlag :thumbsup:
Ich nehme an, dass Damengambit so etwas in der Art gemeint hat?

7

Donnerstag, 25. Februar 2016, 14:30

nicht zu vergessen, dass Tempomat und Navigationssystem schon fast zum obligatorischen Einbau gehören. Früher haben wir uns vorher per Landkarte und Hinweisschilder orientiert. Heute bekommt man gesagt, wo man ab zu biegen hat. Ist wie beim GPS in der Luftfahrt. Das Denken wird dem Chauffeur abgenommen. Er kann sich also voll auf sein Handy "konzentrieren" und dadurch Unfälle verursachen :P

8

Donnerstag, 24. November 2016, 12:13

Mein erstes Auto war ein Gold III Cabrio. Man, war ich stolz damals... :D
Es ist nicht zu wenig Zeit, die wir haben, sondern es ist zu viel Zeit, die wir nicht nutzen.

-Lucius Annaeus Seneca-

9

Donnerstag, 24. November 2016, 14:16

Mein erstes Auto war ein gebrauchter VW 1200 für < 2000 DM. Unverwüstlich, kaum Reparaturen. Bis die Lichtmaschine ihren Geist aufgab . Dann kam ein VW Derby.

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