Sie sind nicht angemeldet.

Berlinüber50

unregistriert

1

Montag, 7. Dezember 2015, 06:47

alt werden und ein Haus

Wir haben ein Problem: Wir haben ein Haus!
einsames haus Es klingt merkwürdig, zugegeben. Ein eigenes Haus ist für fast jeden ein „Traum“. Und auch wir (mein Mann und ich) hätten nie gedacht, dass uns das Haus einmal über den Kopf wachsen würde. Dass wir älter werden würden, wussten wir natürlich (auch wenn wir damals an die ewige Jugend glaubten!).

Was wir nicht wussten (oder einfach verdrängt haben?): Älterwerden heißt auch, mit seinen Kräften haushalten zu müssen, Arbeiten in Haus und Garten (der allerdings schon früher geschrumpft wurde) nicht mehr so einfach leisten zu können. Treppen können zu einer Falle werden. Und vor allem: Wir haben bei der Pflege unserer Eltern in ihrer Wohnung gemerkt: Rollator und Rollstuhl brauchen große Räumen bzw. breite Türen. Unser Haus hat ganz normal breite Türen und noch dazu eine Treppe! Unser Bad ist leider auch alles andere als „behindertengerecht“.

Die Lage unseres Hauses: Am Stadtrand von Berlin, also schön und ruhig. Zu ruhig offenbar für eine ausreichende Anbindung an das Verkehrsnetz, über das man eigentlich in Berlin nicht meckern kann. Was im Klartext heißt: Wir sind auf das Auto angewiesen. Was uns bisher nicht sehr störte. Jetzt aber, Garten jenseits der siebzig: Wissen wir, wie lange wir das Autofahren uns und vor allem den anderen noch zumuten können? Wir stehen also vor der Wahl: Fahren wir einfach weiter, ignorierend, was passieren kann? Oder sind wir verantwortungsvoll? Eigentlich müsste unsere Entscheidung klar sein, aber dann ist es vorbei mit der Unabhängigkeit. Dann bestimmt der Fahrplan über unsere Aktivitäten. Wollen wir dass?

Es kommt aber noch ein anderer Punkt hinzu, über den wir wirklich nachdenken müssen: über die finanziellen Auswirkungen. Sicher, wir wohnen mietfrei. Aber unser Haus kostet Geld. Es will gepflegt werden, Reparaturen sind nicht gerade billig und gar nicht mehr so selten - es ist eben nicht mehr ganz jung (das hat es mit uns gemein) und die Rente bzw. Pension steigen nicht bemerkenswert. Unser Haus ist also unser Vermögen – mehr oder weniger. Sein Wert wird kaum mehr steigen, eher sinken. Wir sind also keineswegs in der Lage, das Haus zu behalten und zugleich eine Pflegekraft zu engagieren (von „finden“ reden wir erst einmal gar nicht!) Diese Tatsache ist inzwischen für uns ein beunruhigender Aspekt.

Denn es kommt noch etwas hinzu, worüber wir bislang auch noch nicht wirklich nachgedacht haben: Ist der Standort überhaupt für andere attraktiv ist. Denn nur dann, wenn unsere Lage geschätzt wird, werden wir, sollten wir uns zum Verkauf entschließen, einen guten Preis bekommen. Häuser steigen eben nicht mehr so einfach im Preis, wie wir uns das vorgestellt haben. Es kann gut sein, dass andere Bezirke interessanter geworden sind und es eben nicht so ist, dass die potenziellen Käufer Schlange stehen. Und da unser Haus nicht gerade nach Standard gebaut wurde, sondern einige Individualitäten aufweist, wird es vermutlich doppelt schwer werden. Was bedeuten würde: Mehr Zeit einzuplanen, um nicht das erst beste Angebot nehmen zu müssen. Oder zu akzeptieren, dass uns der Verkauf weniger bringt als geplant. Beide Möglichkeiten sind kein Grund zur Freude, nicht wahr?

Wir werden also weiter überlegen. Denn wir sagen uns: Noch geht es uns gut. Wir können uns also Zeit nehmen, alle Optionen zu prüfen.
Das zumindest beruhigt uns ein wenig. Dazwischen kommen darf allerdings nichts! Eine Garantie gibt es dafür leider nicht.

Ich werde Ihnen weiter berichten – bleiben Sie mir bis dahin gewogen?

I.B.F.

2

Montag, 7. Dezember 2015, 19:36

Mein tägliches Brot - und zugleich eigene Erfahrung.

Als Sachverständiger für Immobilienbewertung und Makler ist gerade das Thema "Meine Immobilie im Alter" ein Dauerbrenner. Und hier prallen oftmals Welten aufeinander!

Es geht beim Verkauf selbstgenutzter Immobilien in erster Linie um Emotionen. Das wird gern übersehen! Da geben Menschen nach 30, 40 Jahren ihren Lebenstraum auf, den sie liebevoll nach ihren Vorstellungen gebaut, gehegt, gepflegt, eingerichtet haben. Und dann kommt so ein A...loch von Makler und rechnet ihnen vor, dass das zwar gepflegte, aber mit nunmehr 35 Jahren alte Badezimmer mit den in den 80en modernner braunen Wandfliesen zu einer Abwertung führt, dass die Trophäensammlung des passionierten Jägers an der Wohnzimmerwand vor den anstehenden Besichtigungen entfernt werden muss, dass die Deckentäfelungen heute als Negativkriterium einzustufen sind usw. usw. Es gehen viele Träume von einem geruhsamen Alter in Trümmer, wenn der tatsächliche Marktwert deutlich unter der Vorstellung der stolzen Eigentümer liegt. Vieles an dem, was als Altersvorsorge gedacht war, fliegt den Leuten dann um die Ohren.

Dazu passt ein typisch deutscher Aspekt: die "eigenen vier Wände" sind im Kollektivbewusstsein als DAS Nonplusultra tief verankert. Da macht ein junger Mensch seine ersten Schritte in Leben, beginnt seine Berufsausbildung und richtet ein Bankkonto ein. Und prompt kommt der Bankberater über die Theke: "Haben Sie denn schon einen BAUsparvertrag"?

Keine Ahnung, was der junge Mensch aus seinem Leben macht. Aber das "BAU" wird ihm frühzeitig um die Ohren gehauen, es wird gefördert, "keine Miete mehr zahlen" gepriesen, als ob die Dauerbelastung der "eigenen vier Wände" für lau vom Himmel fiele.

Und dann darf man auch "die Lage" nicht vergessen, DAS Kriterium schlechthin! In einer ländlichen Region sieht es schon mal ganz anders aus als in einer "angesagten" Stadt. Da singe ich ein Lied aus schmerzlicher eigener Erfahrung. 1984 habe ich mit den Eltern unser Haus gebaut, seinerzeit in der wunderschönen Heimat, die zu verlassen mir im Traum nicht eingefallen wäre. Tja, diese Heimat ist u. a. so schön, weil etwa 65 % der alten Kreisfläche aus Wald besteht, man von dort - ganz gleich in welche Richtung - eine Stunde Autofahrt vor sich hat, ehe man eine Autobahnauffahrt erreicht, das alte Kreisstädtchen am Ende einer einspurigen Bimmelbahnverbindung liegt, deren im Einstundentakt verkehrenden Züge anderthalb Stunden benötigen, um die (neue) Kreisstadt zu erreichen. Welches Unternehmen moderner Prägung wird dort investieren wollen? Der Geschäftsführer eines alteingesessenen Industriebetriebs mit mehreren Niederlassungen beklagte bereits vor Jahren, dass es kaum noch möglich sei, qualifizierte Ingenieure für das Stammwerk anzuwerben. In diese "Pampa" zieht es kaum junge Leute. Gerade die zukunftsträchtigen F&E-Bereiche werden daher in Ballungszentren ausgelagert, während die alten Kernbetriebe - sofern mal sie überhaupt noch zu halten bereit ist - zumeist mit immer weiter automatisierter Produktion und geringer qualifizierten Tätigkeiten vorlieb nehmen müssen. Die Gegend überaltert, sie stirbt regelrecht aus. In den nunmehr 7 Jahren seit meinem Wegzug (ebenfalls aus beruflichen Gründen) ist die Bevölkerungszahl um über 10 % zurück gegangen. Wie steht es da um die Zukunftsaussichten? Welchen Preis kann da noch ein Haus erzielen, das es zu verkaufen gilt? Ich war vor knapp vier Jahren froh, dass überhaupt noch ein sechsstelliger Betrag erreicht werden konnte.

Der Verkauf einer solchen Immobilie mit ihren 790 m² Grundstück hätte mich am Deckstein zum Millionär gemacht.

Der gesellschaftliche Wandel tut ein Übriges. Klebte die Elterngeneration ein Leben lang auf ihrer Scholle, so ist das Dasein heute um Vieles unsteter geworden. Lohnt der Kauf von etwas, das ich als Einziges nicht mitnehmen kann, wenn ich nicht mit absoluter Sicherheit (und woher soll ich die nehmen?) garantieren kann, dass ich mein ganzes Dasein dort verbringen werde?

Liebe/r I. B. F.: ja, ich bleibe Ihnen gewogen. Ich bin ohnehin näher dran, als mir dann und wann lieb ist. Denn es macht nun wirklich keinen Spaß, den Lebenstraum von Menschen zu zertümmern. :down:
Falls Sie hier die Flöhe husten hören:
es könnten Ihre eigenen sein! :D

Berlinüber50

unregistriert

3

Sonntag, 10. Januar 2016, 12:45

Wir haben ein Haus ... und Treppen

Wir haben (k)ein Haus, Teil II

"Wir haben ein Problem: Wir haben ein Haus" schreibt I.B.F. in ihrem Beitrag vom 5. Dezember des gerade vergangenen Jahres http://berlinab50.com/2015/12/05/wir-hab…haben-ein-haus/. Die darin geschilderten Probleme lassen auch über die eigene Situation nachdenken: Was wäre wenn...
Seit 40 Jahren wohnen wir schon in der ziemlich ungewöhnlichen Wohnung, und wenn ich sie jemandem beschreiben soll, der sie noch nie gesehen hat, dem sage ich: „Stell dir das Innere der Berliner Philharmonie vor, nur viel viel kleiner aber mit genauso vielen Treppen." Tatsächlich wurde das Haus von einem Schüler Hans Scharouns, dem chinesisch-deutschen Architekten Chen Kuen Lee entworfen.

maisonette 2Unsere Wohnung darin nennt man auch eine Maisonette, weil sie das Gefühl vermittelt, in einem eigenen Haus zu wohnen, obwohl sie eben doch nur eine von mehreren unter einem gemeinsamen Dach ist.

Unser Wohnen, und auch das unserer Nachbarn, spielt sich auf genau fünf unterschiedlichen Ebenen ab. Will man von der Küche zum Essplatz im Wohnzimmer, so muss man sechs Stufen hoch, zum Schlafzimmer acht hinunter. Eine Zwischenebene liegt neun Stufen über dem Niveau des Wohnzimmers und von dort aus geht es sechs Stufen hinauf in den obersten Raum, einer Art Studio. Dort befindet sich auch mein Arbeitsplatz. Stelle ich beim Verlassen der Wohnung fest, dass die Lesebrille auf dem Schreibtisch liegen geblieben ist, so heißt es, erst einmal ein Stockwerk plus sechs Stufen zu erklimmen, um ihrer habhaft zu werden. Will meine Frau abends im Bett noch lesen und das gewünschte Buch liegt noch oben, so muss sie gar ganze zwei Stockwerke hinauf, um es zu holen. Sie merken schon, worauf ich hinaus will: Wie soll es werden, wenn wir einmal alt sind?

Nun, alt sind wir eigentlich schon, wenn auch noch ganz fit, und bisher maisonette 1hat es problemlos geklappt, unser Wohnen unter "erschwerten" Bedingungen. Ständig Treppen zu laufen, dabei auch gelegentlich den Staubsauger oder einen Wäschekorb schleppen zu müssen oder ein Tablett mit Geschirr zu balancieren, hat uns nicht weiter belastet. Auch Probleme mit den Knien gab es bisher nicht, vielleicht gerade wegen des ständigen Treppentrainings.
Vor Monaten jedoch ist ein Ereignis eingetreten, das uns nachdenklich werden ließ: Eine Operation am Fuß. Die Patientin konnte sich mehrere Wochen lang nur mit Hilfe einer Krücke vorwärts bewegen. Das geht auf ebener Straße eigentlich ganz gut, sogar im Supermarkt, wo man den Einkaufswagen als Rollator einsetzen kann, doch wie zu Hause über die vielen Stufen? Mal eben in die Küche, eine fehlende Gabel holen? – so einfach nicht.
Der Fuß ist inzwischen verheilt und unser Trepp-auf-Trepp-ab geht weiter wie zuvor. Wirklich - ? Nein, da bleibt die Sorge vor der Zukunft. War es ein Menetekel, ein warnender Hinweis auf das, was einmal kommen könnte?
Sollten wir die Wohnung vielleicht verkaufen und uns statt ihrer eine andere zulegen, barrierefrei, potteben, mit breiten Türen, ohne Schwellen, darin eine Dusche mit flachem Einstieg? Angeschaut haben wir solche „seniorengerechten“ Wohnungen schon. Sie hätten viele Vorteile, doch wiegen sie die Abstriche auf?

Es beginnt mit den drei wichtigsten Kriterien: der Lage, der Lage und der Lage. Die jetzige wäre einfach nicht mehr zu haben. Am Waldrand und doch nur 15 S-Bahnminuten bis zum Savignyplatz.
Ließe sich unsere jetzige Wohnung trotz ihrer guten Lage überhaupt einigermaßen kostenneutral in eine andere, zweckmäßigere einwechseln? Im Jahr 1965, als das Haus entstand, waren Wärmedämmung und Schallschutz fast noch Fremdwörter, jedenfalls scherten sich Architekten wenig darum. Öl war billig und man regulierte die Zimmertemperatur durch das Öffnen der Fenster. Eingangstüren führten direkt ins Freie und die Gasheizung hatte einen offenen Schornstein, durch den sie einen Großteil der erwärmten Luft gleich wieder ins Freie beförderte. So etwas will heute keiner mehr.
Die Energiesparverordnung, eigentlich sinnvoll und zukunftsgerichtet, wird hier zum Klotz am Bein. Eine Fassade dämmen, rundherum neue Fenster einbauen, die Dachverglasung gleich mit - das alles mag einen potenziellen Käufer abschrecken und wenn nicht, den Kaufpreis deutlich mindern.
Seniorengerechte Wohnungen nach neuestem Energiestandard kann man mieten und sie sind relativ leicht zu finden. Kein Wunder: Sie kosten um die 3000 Euro. Monatlich, wohlgemerkt. Um dieses Geld aufbringen zu können, muss die alte Immobilie verkauft und vom Erlös die neue Miete bezahlt werden. So jedenfalls ist das Konzept solcher Seniorenresidenzen angelegt. Doch wie lange würde das Geld reichen? Vielleicht meint es das Schicksal gut und lässt uns 90 Jahre alt werden. Heutzutage gar nicht einmal so unwahrscheinlich, selbst in der eigenen Familie gibt es jetzt die ersten Hundertjährigen. Also, was geschähe, wenn das Geld verbraucht ist und die hohe Miete nicht mehr bezahlt werden kann? Dieser Fall wird in den Werbeprospekten für die neuen Seniorenresidenzen leider nicht beschrieben.

Was tun? Als vorläufige Antwort fällt mir eine Erkenntnis des französischen Philosophen Michel de Montaigne ein, der empfiehlt, die unvermeidlichen Widerwärtigkeiten des Lebens mit unverrücktem Fuße zu erwarten.
Machen wir uns nicht verrückt.

PB
Fotos (c) PB

Ähnliche Themen

Verwendete Tags

Problem

Counter:

Hits heute: 880 | Hits gestern: 2 570 | Hits Tagesrekord: 44 306 | Hits gesamt: 6 554 655 | Klicks pro Tag: 8 292,34