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Sonntag, 23. Februar 2014, 09:39

Ausbildung zum Koch

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„Grüngürtel“ einmal anders



Ich habe bereits an anderer Stelle über meinen jüngsten Sohn geschrieben. Seit einem knappen Jahr arbeitet er nun in einem Restaurant in Nippes und befindet sich im ersten Ausbildungsjahr zum Koch.

Die geschilderten früheren Probleme gehören der Vergangenheit an. Seitdem der gar nicht mehr so „Kleine“ strukturierten Tätigkeiten nachgeht, scheint alles, was ihm in jungen Jahren an menschlichen, schulischen und gesundheitlichen Schwächen das Leben schwer machte, nur noch wie ein böser Traum.

Und wenn er sich auch (Segnungen der Jugend) schnell an sein neues Leben als Stadtbewohner gewöhnt hat, so hat es ihn doch recht häufig in die alte Heimat gezogen. Dort lebt die Mutter, leben die Brüder. Dort leben alle seine früheren Freunde und Klassenkameraden, zum Abschlussfest seiner Nachfolgeklasse im Vorjahr hatte ihn sein alter Klassenlehrer als lebenden Beweis dafür eingeladen, dass sich Lernen noch lohnt. Ebenso wird Sohnemann der diesjährigen Abschlussfeier beiwohnen, mir der auch das Ende dieser Schule besiegelt werden wird.

Nein, einen regelrechten Cut hat er nicht vollzogen, wohl auch nicht vollziehen können. Die Arbeitszeiten eines Kochs in der Gastronomie sind nicht unbedingt geeignet, zumal in völlig neuer Umgebung einen großen Bekannten- und Freundeskreis jenseits dieser Branche aufbauen zu können. So kam es zu den recht zahlreichen Besuchen des alten Dunstkreises. Bis zum letzten Jahreswechsel.

Er wirkte erleichtert, aufgekratzt, verärgert, verdrossen zugleich - ein völlig verquastes Durcheinander an Empfindungen trieb in um, und er schien kaum den Unterrichtsbeginn im Berufskolleg Ehrenfeld nach den Winterferien erwarten zu können.

Mein Sohn brennt auf die Schule??? Angesichts der geschilderten Vorgeschichte für mich immer noch ein Alarmzeichen. Meinen Fragen nach dem rund seiner Laune ist er zunächst ausgewichen. Nach einigen Tagen rückte er dann (deutlich ruhiger geworden) mit der Sprache heraus.

Er hatte sich wie gewohnt in seinem alten Dunstkreis aufgehalten, dort auch den Jahreswechsel mit begangen. Und in diesem direkten Umfeld, aber eben auch darüber hinaus, ärgert ihn nun ganz massiv der regionstypische Dorftratsch, der auch meinem Abgang eine bisweilen sehr unschöne Begleitmusik geliefert hat.

Bei den früheren Schulkameraden ist er nun Derjenige, der „es geschafft hat“. Was dieses „Es“ nun konkret sein soll, steht auf einem anderen Blatt. In den Augen der ehemaligen Mitschüler, die Schulsystem und Gesellschaft überrollt haben, stellt er nun auf eine besondere Weise einen Außenseiter dar. Eine Ausbildungsstelle hat niemand sonst aus diesem Kreis bisher bekommen können; auf die eine oder andere Weise leben diese jungen Leute alle vom sozialen Netz (ein Schicksal, dem sich mein Sohn auch nur mit Mühe hat entziehen können). Aber auch das etwas weiter gestrickte Umfeld hat sich eine Meinung gebildet.

Und an dieser Stelle vermischen sich Dinge, die wohl überall geschehen können, mit den speziellen Sichtweisen, die man auf dem Lande dem gegenüber hat, was man dort für „Stadt“ hält. Wobei gerechterweise gesagt werden muss, dass auch der angestrebte Beruf des Kochs einen Teil dieser Wahrnehmung ausmacht: welcher TV-Sender lässt es sich derzeit nehmen, tagtäglich irgendein Format rund um’s Kochen im Programm zu halten? Und da existieren keine Azubis; diese Sendungen präsentieren dem Publikum i. w. S. die Welt der erfolgreichen Sterneköche.

Das hat Folgen. Nicht nur, dass Junior „es geschafft hat“. Er ist nicht nur dem drögen Alltag einer sterbenden Region entronnen. Nein, auch das zweiwöchige Praktikum im Sternelokal im März des Vorjahres spielt nun da mit hinein. Wer erst einmal in der „Stadt“ ist, entwickelt sich auf eine ominöse Art weg von dem Menschen, der er doch eigentlich ist. Es macht paradoxerweise eben solche Einstellungen aus, die diese Entwicklung tatsächlich herbei führen.

In der „Stadt“ lebt es sich „anders“. Da geht es lebhafter zu. Kommen diese „Städter“ dann zu Besuch, wissen sie recht kuriose Dinge zu berichten, die den daheim Gebliebenen wie von einem anderen Stern erscheinen. Da hat man sowieso einen höheren Verdienst. Und obendrein: das ist ja jetzt ein Koch! „Man weiß ja“ aus dem Fernsehen, wie erfolgreich die sind, welche Karriere die machen, wie arrogant die werden können, dass die früher oder später „abheben“. Klar doch, dass Sohnemann jetzt so um die 5.000 € verdient! Und dann schmeißt er keine Saalrunde nach der anderen? Geizkragen! Sehr Ihr, schon geht’s los mit dem Abheben! Haben wir uns doch gleich gedacht. Hält sich wohl für was Besseres. Ein „Städter“ eben! Großkotzig. So sind die halt.

Nun ja, mit den 5.000 € liegt man ja nicht einmal ganz verkehrt. Betrachtet man sie als das Jahres- und nicht als das Monatseinkommen.

Nachdem der erste Ärger verraucht ist, sieht mein Sohn die Sache mittlerweile recht gelassen. Er findet nunmehr sogar die humoristische Seite der Angelegenheit unterhaltsam und zieht die zurück Gebliebenen damit aus der Ferne auf. Womit er in gewisser Weise natürlich dem Klischee des „Städters“ entspricht. Aber diese Ironie der Sache übergeht er mit einem legeren „Selber Schuld!“ und konzentriert sich auf sein neues Leben.

Kurz vor Beginn des dritten Unterrichtsblocks im Berufskolleg „muss“ er noch einmal in die Heimat fahren. Es gibt da noch einige Ding zu erledigen. Die frühere Vorfreude stellt sich nicht ein, von der bisherigen Ungeduld keine Spur. Ja, er begleitet sogar dieses Vorhaben mit einigen Ausdrücken, die ich an dieser Stelle nicht wieder geben möchte. Zu den „Dummschwätzern“ zieht ihn nichts mehr.

Das ganze Gerede ist bestimmt kein Produkt des Jahreswechsels. Er hat vorher davon nichts mitbekommen und sieht sich bzw. seine früheren Besuche nun aus der Perspektive, dass er als wunderliches Unikum die Freundestreffen in der Weise bereichert hat, wie man im Zoo ein seltenes Tier betrachtet. So etwas ärgert natürlich. Und enttäuscht.

Ob dies nun prägend gerade für meine Heimat ist, weiß ich nicht. Im Juni werde auch ich wieder dorthin fahren. 35 Jahre nach unserem Abitur kommt mein Abschlussjahrgang einmal mehr zum Klassentreffen zusammen.

Und so bemerke ich schon einige feine Unterschiede. Diejenigen, die seinerzeit (wie auch zuvor und später) die Heimat verlassen haben, um zu studieren, werden als „normal“ betrachtet. Es gibt dort keine Universität oder Fachhochschule, also, was sollen sie auch machen? Das ist eine Vorgehensweise, die akzeptiert wird. Ich selbst hatte dort mein Leben aufgebaut und dieses auch tatsächlich so gelebt. Bis zu dem Tage, als der Arbeitgeber neue Geschäftsführer (aus drei verschiedenen Städten) bekam, für die die Unterschiede zwischen Stadt und Land nicht existierten. Und die es bereits im ersten Quartal ihres Wirkens schafften, ein Drittel der Kunden zu vergraulen. Mangels Chancen bin ich weggezogen, um „in meinem Alter“ (das muss man sich mal vorstellen!!) neu anzufangen. DAS wiederum ist „gaaanz was Anderes“, als wenn ich in jungen Jahren das Ländle verlassen hätte.

Und auch mein Sohn erfüllt nicht die gängigen Klischees. Ein „Sonderschüler“, der die Heimat verlässt - und dann auch noch Erfolg hat? Na, ob das mit rechten Dingen zugegangen ist?

Und nun redet Sohnemann unumwunden vom Fahren müssen. Vor dem „dummen Gewäsch“ graust es ihm schon jetzt, und er erwägt, sein Kommen dem alten Bekanntenkreis gänzlich zu verschweigen.

Die Heimat kann die unterschiedlichsten Aspekte aufweisen. Ich habe hier einen Neuen entdeckt.


Schlagworte: städter | landeier | mentalitäten | dorftratsch | neid und unwissen

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